Blue Card- blaue Hoffnung gegen Fachkräftemangel

Eigentlich absurd. Da kann jedes zweite Unternehmen in Deutschland Stellen nicht besetzen, weil passende Fachkräfte fehlen. Auf der anderen Seite kommen jedes Jahr hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland. In diesem Jahr werden es vielleicht sogar eine Million sein.

 

Teilweise kommen hoch qualifizierte Menschen zu uns und dürfen nicht sofort arbeiten. Angesichts der dramatisch gestiegenen Zuwanderung steigt gerade der Wille, daran etwas zu ändern. Die große Koalition hat vor ein paar Wochen einen Maßnahmenkatalog zur aktuellen Flüchtlingsthematik beschlossen. So soll das 4-jährige Arbeitsverbot von Asylbewerbern und geduldeten Menschen für die Zeitarbeit deutlich verkürzt oder besser noch ganz aufgehoben werden. Ein weiterer wichtiger Vorschlag kommt von Raimund Becker, Vorstand Regionen der Bundesagentur für Arbeit (BA). Er spricht sich für eine Öffnung der „Blue Card“ für hoch qualifizierte Asylbewerber aus.

Win-win-Situation für arbeitswillige Flüchtlinge und personalsuchende Firmen

Ein überfälliger Vorschlag, der viele Vorteile hat – für beide Seiten. Hoch qualifizierte Asylbewerber wollen etwas leisten, den Unternehmen wiederum gehen die Fachkräfte aus. Könnten mehr Flüchtlinge eingestellt werden, wären sie Steuerzahler und keine Bittsteller mehr. 

Die ManpowerGroup unterstützt deshalb den Vorstoß des BA-Vorstands Becker. Wir haben  bereits mehrfach öffentlich für eine schnellere Integration von Flüchtlingen geworben. Um den Konjunkturmotor am Laufen zu halten, braucht es neue Ideen, wie wir Menschen in Arbeit bringen. Die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt sollte noch weiter erleichtert werden.

Hohe Hürden für Arbeitserlaubnis

Laut der Bundesagentur für Arbeit hat ungefähr jeder fünfte Asylbewerber, der nach Deutschland kommt, einen Hochschulabschluss. Unter ihnen sind auch Ärzte und Ingenieure, so Raimund Becker. Fachkräfte, die Arbeitgeber dringend suchen. Sie könnten über die Blue Card in Deutschland einen Beruf ausüben. Doch für Asylbewerber müssen weitere bürokratische Hürden fallen. Bislang können akademische Fachkräfte aus dem nicht-europäischen Ausland seit August 2012 in Deutschland die Blue Card beantragen und dann mit ihrer Familie nach Deutschland ziehen. Der Antragsteller muss ein abgeschlossenes Hochschulstudium nachweisen und mindestens 48.800 Euro pro Jahr verdienen. Für Hochqualifizierte in sogenannten Mangelberufen (insbesondere Ingenieure, akademische und vergleichbare Fachkräfte der Informations- und Kommunikationstechnologie sowie Ärzte) ist die Gehaltsgrenze noch niedriger und liegt 2015 bei 37.752 €.

Aber: Wer nach Deutschland flüchtet, wird in der Regel kein Visum im Gepäck haben. Das ist allerdings eine Voraussetzung, um einen Antrag zu stellen. Ein politisch Verfolgter müsste also zurück in sein Heimatland, um dort ein spezielles Visum zu beantragen. BA-Vorstand Becker bezeichnet dieses Vorgehen mit Recht als „absurde Vorstellung“. Besser wäre, das Asylsystem und andere Zuwanderungsoptionen durchlässiger zu gestalten. Dann wäre es möglich, aus einem laufenden Asylverfahren heraus ein Arbeitsvisum zu beantragen.


Kein freier Wettbewerb am Arbeitsmarkt

Es gibt allerdings noch weitere Beschränkungen, bei denen man über Lockerungen nachdenken sollte. Eine davon ist die Vorrangprüfung. Bislang haben Flüchtlinge erst dann die Chance auf einen Job, wenn kein Deutscher, kein EU-Bürger und kein Vorrangiger aus Drittstaaten den Job will. Das gilt für Asylbewerber die sich auf eine Stelle bewerben ganze 15 Monate lang. Die Bundesagentur für Arbeit prüft nach der Zusage ob es andere Menschen gibt, die das Unternehmen für die Position vorziehen muss. Das braucht Zeit. Die Hürde für Arbeitgeber Flüchtlinge einzustellen, ist daher hoch. Das bestätigt auch Arbeitsmarktforscher Clemens Ohlert vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung.

Schritte in die richtige Richtung

Erfreulich sind die positiven Signale, die Hürden zu lockern. Begrüßenswert ist die Offenheit von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles und BA-Chef Frank-Jürgen Weise, die Vorrangprüfung für eine Weile auszusetzen. Nennenswert ist auch das Bleiberecht für junge Flüchtlinge, die hier eine Ausbildung absolvieren. Es besteht die Möglichkeit das sie den Aufenthaltstitel einer Duldung erhalten, unabhängig davon, ob ihnen Asyl gewährt wird oder nicht. Das ermöglicht vor allem im Handwerk Planungssicherheit für die Betriebe. Besser wäre allerdings, wenn die Regel auch für Auszubildende über 21 Jahre gelten würden. Viele junge Flüchtlinge, die eine Ausbildung beginnen wollen, sind schon 22 oder älter, weil sie durch Kriege in ihren Ländern nicht arbeiten konnten. Darauf hat kürzlich Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer hingewiesen.

Ihre Meinung bitte

Es ist Zeit für eine offene Debatte, wie wir qualifizierte Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten besser und schneller in den deutschen Arbeitsmarkt integrieren. Wir werden unsere Ideen weiter einbringen. Gleichzeitig  interessiert uns jede Meinung, die zur Diskussion beiträgt. Schreiben Sie mir gerne Ihre Sicht: Wie können Flüchtlinge schneller am Arbeitsleben in Deutschland teilnehmen, ohne dass wir einheimische Arbeitslose aus dem Blick verlieren?