Die Qualifikations-Revolution: Entwicklung von Fachkräften statt Konsum von Arbeitsleistung - TEIL III

In unserer Blogserie beleuchten wir die aktuellen Trends und geben Hinweise, was Unternehmen tun können, um ihre Mitarbeiter zu Gewinnern der Qualifikations-Revolution zu machen. In Teil I haben wir bereits die Kräfte beleuchtet, die unsere Geschäftswelt verändern. In Teil II gingen wir darauf ein, was das für Arbeitgeber in der heutigen Welt bedeutet im Hinblick auf Personalgewinnung.

 

In Teil III zeigen wir auf, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf Menschen und Qualifikationen hat.

 

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Technologische Revolution: So wirkt sich Digitalisierung auf Menschen und Qualifikationen aus

Schneller und anders: Der radikale Wandel der Qualifikation

Es vergeht kaum ein Tag, in denen die Medien nicht darüber berichten, wie Digitalisierung, Robotik, künstliche Intelligenz und virtuelle Realität die Welt der Arbeit verändern. Bis zu 45 % der Tätigkeiten, die Menschen im Rahmen ihres Berufs täglich ausüben, lassen sich bereits mit aktueller Technologie automatisieren. (6) Doch auch schon früher hat es auf dem Arbeitsmarkt Evolution gegeben und die Menschen haben sich angepasst: Schalterbeamte wurden zu Mitarbeitern im Kundenservice, Sekretärinnen wurden zu Experten der Textverarbeitung und/oder zu persönlichen Assistenten. Dass Arbeitsplätze, Berufe und berufliche Aufgaben sich wandeln, obsolet, anders verteilt oder neu erschaffen werden, ist also nichts Neues. Der wesentliche Unterschied jedoch: Die Lebenszyklen von Fähigkeiten und Qualifikationen sind heute deutlich kürzer; wir erleben zudem einen Wandel in bisher unbekanntem Ausmaß.

Automatisierung stört auf, zerstört aber nicht

Gefragte Fähigkeiten

  • Komplexe Problemlösung
  • Kritisches Denken
  • Kreativität
  • Management von Mitarbeitern
  • Koordination mit Anderen
  • Emotionale Intelligenz
  • Urteilskraft und Entscheidungsfähigkeit
  • Dienstleistungsorientierung
  • Verhandlungsgeschick
  • Kognitive Flexibilität

Was kann Automatisierung ersetzen?

45 % der Tätigkeiten im Rahmen eines Arbeitsplatzes

5 % der Vollzeit-Arbeitsplätze

65 % der Generation Z werden in Berufsbildern arbeiten, die heute noch nicht da mal existieren.

Quellen: „The Future of Jobs“, World Economic Forum 2016; „Four Fundamentals of Workplace Automation“, McKinsey, 2015.

Eventuell erscheinen die zu erwartenden Auswirkungen heute noch übertrieben, doch Kosten und Komplexität bei der Implementierung neuer Technologien sinken stetig –entsprechend wird das Tempo der beschriebenen Entwicklungen zunehmen. Es lässt sich nur schwer vorhersagen, wie viele Arbeitsplätze in Zukunft wegfallen, wie viele neu geschaffen werden – aber die Geschichte gibt uns zumindest Anhaltspunkte. Mit großer Sicherheit wird die Instabilität der Nachfrage nach Qualifikationen und Fähigkeiten immer weiter zunehmen und zwar in verschiedenen Berufen, verschiedenen Branchen und zu verschiedenen Zeiten in den verschiedenen Ländern – das lehrt uns die Erfahrung. Weltweit tätige Konzerne haben zudem bessere Chancen, diesen Wandel zu überstehen und mit solch massiven Störungen und Umbrüchen produktiv umzugehen.

Der Aufstieg des „elektronischen Angestellten“

Die größten Umbrüche bisher konnten wir im produzierenden Gewerbe beobachten: Während der noch immer andauernden sogenannten „vierten industriellen Revolution“ hat die Gesamtbeschäftigung abgenommen, während die Produktivität massiv gestiegen ist. Zwischen 1990 und 2014 sank der Anteil des produzierenden Gewerbes an der Gesamtbeschäftigung praktisch in allen hoch entwickelten Volkswirtschaften deutlich ab: Japan (-34 %), Frankreich (-33 %), USA (-31 %) und Deutschland (-25 %). (8) Doch die Digitalisierung endet nicht hinter den Fabriktoren des produzierenden Gewerbes; auch die klassischen Tätigkeiten von Angestellten unterliegen einer Transformation. So verzeichnen etwas die virtuellen Gesundheitsberater von WebMD mehr monatliche Anfragen als alle Ärzte in den USA zusammen. In der Rechtspflege sieht es ähnlich aus: 60 Millionen Streitigkeiten zwischen eBay-Nutzern werden jährlich über Online-Tools zur Konfliktlösung abgewickelt und nicht mehr über Anwälte und Richter – diese Zahl ist dreimal höher als die jährliche Gesamtzahl der Zivilklagen im Rechtssystem der USA. (9)

Auch die Finanzbranche bereitet sich auf den großen Umbruch vor; sei es nun in der Buchhaltung, im Kundengeschäft oder bei den Markt-Analysten. Zwischen 2013 und 2014 haben sich die technologischen Investitionen der Finanzbranche auf einen Betrag von 12,2 Milliarden US$ verdreifacht (10); bis zu 54 % aller Stellen in diesem Sektor sind von Wegfall bedroht – mehr als in jeder anderen US-amerikanischen Branche mit einem hohen Anteil von qualifizierten Fachkräften. Ähnlich sieht es im Einzelhandel aus: Dort könnten etwa 47 % der täglichen Aufgaben des Verkaufspersonals bereits mit heutiger Technik problemlos automatisiert werden; in der Buchhaltung und in anderen Bereichen, in denen große Mengen von Daten verarbeitet werden, steigt dieser Anteil sogar auf 86 %. (11)

Ob nun RFID-Technologie die Inventur in Handelsunternehmen vereinfacht oder das Self-Checkout beschleunigt; ob der Online-Handel seinen Siegeszug immer weiter fortsetzt: Die zunehmende Integration von Technologie bedeutet, dass sich die Handelsbranche auf massive Umbrüche bei den Aufgaben und Beschäftigungszahlen einstellen muss – und das betrifft Arbeiter und Angestellte gleichermaßen.

Mensch gegen Roboter? Oder Maschinenstürmer gegen Technikbegeisterte?

Neue Technologien sind mitunter kostspielig und erfordern Mitarbeiter mit hochspezialisierten Fähigkeiten. Entsprechend zögern die Arbeitgeber derzeit noch, zu sagen: „Tschüss, Arbeitnehmer! Hallo, Automatisierung!“

62 % der 18.000 untersuchten Unternehmen in 43 Ländern erwarten in den nächsten zwei Jahren keinen Personalabbau aufgrund von Automatisierung oder digitaler Technologie (12); 20 % rechnen deshalb sogar mit Stellenzuwächsen. (13)

Arbeitsmarkttauglichkeit – die Fähigkeit also, sich erfolgreich auf eine gewünschte Stelle zu bewerben und diese zu halten – hängt nicht länger davon ab, was man bereits weiß oder kann, sondern davon, was man zu lernen bereit und in der Lage ist.

Dennoch rechnen sie mit Veränderungen: Beinahe zwei Drittel der befragten Unternehmen investieren in interne Fortbildungsmaßnahmen, um die Fähigkeiten und Qualifikationen ihrer Mitarbeiter auf dem neuesten Stand zu halten; 42 % rekrutieren zusätzliche neue Mitarbeiter mit bisher in ihrem Unternehmen nicht vertretenen Qualifikationen; und ein Drittel will die Transformation ermöglichen, indem sie externe Partner und Anbieter an Bord holen, damit diese ihr Fachwissen an die eigene Belegschaft weitergeben. (14) Die Stimmungen und Ängste der Menschen stellen jedoch ein größeres Hindernis dar, als es die Technikbegeisterten zugeben wollen.

Die massive Auswanderungswelle von Callcentern Richtung Osten wurde von den daraus entstehenden Herausforderungen ausgebremst – Sieger war am Ende der Kunde: 2016 holten BT und EE Hunderte Callcenter zurück nach Großbritannien. (15) Bereits seit Jahren wäre es technologisch möglich, Flugzeuge vollständig zu automatisieren, doch nur wenige Passagiere sind bereit, eine Maschine ohne menschlichen Piloten zu betreten; auch die bereits auf den Straßen von Pittsburgh eingesetzten fahrerlosen Taxis von Uber werden noch viele Jahre mit einem aufsichtführenden Chauffeur unterwegs sein. Foxconn, der chinesische Fertigungsgigant, der unter anderem Apple und Samsung mit Komponenten beliefert, erklärte bereits 2011, das Unternehmen würde in den nächsten zwei Jahren mehr als eine Million Roboter in Betrieb nehmen. Bis zum Jahr 2015 haben jedoch nur 50.000 davon ihren Dienst in den Fabriken angetreten. (16) Die Transformation der Arbeit im Maschinenzeitalter muss nicht zwangsläufig auf einen Kampf zwischen Mensch und Roboter hinauslaufen; wir sollten die Bedeutung des Kontakts von Mensch zu Mensch nicht unterschätzen.

Benachbarte Qualifikationen, Agilität und Lernbereitschaft sind auch in Zukunft stabile Währungen

Der Wert, den wir einzelnen Fähigkeiten und Qualifikationen zusprechen, wird sich wandeln. Die Digitalisierung und die damit verbundene Zunahme von qualifizierten Tätigkeiten schafft neue Chancen – solange Unternehmen und Menschen richtig darauf vorbereitet sind. Technologie wird zunehmend sowohl kognitive wie auch manuelle Routinetätigkeiten übernehmen – die deutlich erfüllendere Arbeit jenseits dieser Routine bleibt aber weiter den Menschen vorbehalten. Kreativität, Menschenführung, emotionale Intelligenz und Verhandlungsgeschick sind Elemente des menschlichen Potenzials, die erlaubt, die Arbeit von Robotern zu verbessern anstatt von diesen ersetzt zu werden. (17) Der Einzelne wird jedoch zunehmend vor der Aufgabe stehen, sich fortzubilden und seine Fähigkeiten und Qualifikationen in andere Bereiche auszudehnen. Entscheidend dabei sind benachbarte Qualifikationen, Agilität und natürlich Lernbereitschaft – der Wille und die Fähigkeit also, sich neues Wissen und Können anzueignen, um so seine eigene Arbeitsmarkttauglichkeit über ein langes Berufsleben hinweg zu sichern. In allen OECD-Ländern sehen wir das größte Stellenwachstum in den Bereichen, die ein hohes Qualifikationsniveau erfordern. (18)

In betroffenen Branchen treffen negative Auswirkungen allerdings vorrangig bestimmte Gruppen von Arbeitern und Angestellten, etwa Geringqualifizierte oder Menschen, die aus Unwillen oder Unvermögen schlecht lernen.  Überproportional betroffen sind jedoch auch Frauen! Viele Berufsbilder im Vertrieb, in der Unternehmens- und Finanzverwaltung aber auch im Büro sind von Automatisierung bedroht – und speziell in diesen Feldern ist der Anteil von Frauen besonders hoch. Das hat natürlich gesellschaftliche Folgen für die Geschlechtergerechtigkeit. Sollte sich die aktuelle Entwicklung fortsetzen, müssen Frauen mit einem Abbau von drei Millionen Arbeitsplätzen rechnen; nur eine halbe Million würde im Gegenzug neu entstehen – für jede neu geschaffene Stellen gingen also mehr als fünf Stellen verloren. Die Unternehmen hingegen, die auf die richtige Kombination von Menschen, Qualifikationen und Technologie setzen, werden zu den Gewinnern gehören. Doch dazu müssen sie stärker in Fortbildung und Personalentwicklung investieren; nur so können sie nicht nur den heute bereits bestehenden, sondern auch den zukünftigen Fachkräftemangel nachhaltig adressieren. Die Arbeitsmarkttauglichkeit – also die Fähigkeit, sich erfolgreich auf eine Stelle zu bewerben und diese zu halten – hängt nicht länger von bestehendem Wissen und Können ab, sondern davon, ob und in welchem Umfang man willens und in der Lage ist, zu lernen.