Die Zukunft ist da! Recruiting durch Roboter

Interview mit Kerstin Hattar, Director Business Line Recruitment bei der ManpowerGroup, zu ihrem anstehenden Workshop beim diesjährigen K&K Personalkongress.

 

In dem Workshop beim diesjährigen K&K Personalkongress gibt sie Einblicke in moderne Recruiting-Tools. Diese vereinfachen nicht nur aufwendige Prozesse, sondern können beispielsweise eine Vorauswahl automatisiert treffen, bevor überhaupt ein Recruiter ins Spiel kommt. Auch Online-Assessments, die die Bewerberauswahl mit Kompetenz- und Persönlichkeitsprofilen unterstützen, werden in diesen automatisierten Prozessen eingesetzt und steuern die Bewerberauswahl mit. Klingt utopisch oder auch beunruhigend? Das ist es nicht, denn diese Instrumente gibt es schon - genau wie andere neue Entwicklungen und sie sind weniger unpersönlich als gedacht.

Im Interview haben wir sie vorab zu diesem spannenden Thema befragt.

Hallo Frau Hattar, Sie sagen Recruiting durch Roboter ist zum Teil schon heute in HR Abteilungen angekommen. Mit welchen Tools experimentiert die ManpowerGroup derzeit?

Wir experimentieren zur Zeit mit einem Sprachanalysetool und sammeln damit Erfahrungen. Der Pilot läuft noch, so dass wir derzeit noch kein abschließendes Fazit liefern können. Allerdings sehen wir bereits jetzt, dass die Wahrnehmung im Kandidatenmarkt und bei Vorgesetzten positiv neugierig ist und dass die Technologie gut funktioniert. Jetzt müssen wir noch abwarten und beobachten, wie die ausgewählten Kandidaten im Job ankommen und performen.

Im Bereich Onboarding nutzen wir VR Brillen, um unseren Arbeitnehmern im Kundeneinsatz einen virtuellen Rundgang am neuen Arbeitsplatz zu ermöglichen, bevor sie anfangen. Arbeitsunfällen und Störungen im Betriebsablauf kann so besser vorgebeugt werden und ganz nebenbei wird die Vorfreude auf den neuen Arbeitsalltag gefördert.

Welcher HR-Prozess wird Ihrer Meinung nach schon bald gänzlich von Robotern ausgeführt?

Das sogenannte “Pre-screening” wird schon bald komplett von Online-tools ausgeführt werden. Dabei helfen beispielsweise “knock-out” Fragen zu Qualifikationen wie Sprache oder auch die Bereitschaft zu Schichtarbeit oder längerem Pendeln zum Arbeitsort. Dies hilft übrigens dem Kandidaten genauso zügig, wie dem Arbeitgeber, nur für die passenden Jobs eine Vorauswahl zu treffen.

Gerade bei Online Bewerbungen kann das schon heute zum Einsatz kommen – tatsächlich nutzen tun dies aber noch recht wenige Unternehmen.

Auch das Thema Automatisierung spielt eine wichtige Rolle im HR der Zukunft. Viele Routineaufgaben können so effizienter gestaltet werden. Von der automatischen Eingangsbestätigungen über automatisierte Zwischenbescheide, automatisierte Versendung von Online Assessment Tests, bis hin zu automatisierten Absagen -  für all das gibt es schon heute gute Technologien, die trotzdem genügend Spielraum für personalisierten Umgang ermöglichen.

Die Kollegen aus Bits&Bytes erfordern von Menschen neue Fähigkeiten. Welche Aufgaben werden heute und in Zukunft besonders von menschlichen Recruitern übernommen?

Der Beruf des Recruiting Verantwortlichen wird sich auf jeden Fall immer mehr verändern. Dennoch werden die Kollegen aus Fleisch und Blut weiterhin die tragende Rolle spielen. Dazu müssen sie jedoch einige Fähigkeiten stärken:

Zielgruppe im Fokus

  • Das Sicherstellen der zielgruppengerechten Ansprache. Dafür braucht es Erfahrung und ein sicheres Verständnis dafür, wer gesucht wird und wo man ihn finden kann. Ein Prozess, der immer wieder überprüft und angepasst werden muss, damit das anschließende Prescreening, das dann durch Roboter übernommen werden kann, sauber funktioniert.

Unsicherheiten beseitigen, Entscheidungen treffen

  • Führen von Telefon- oder Video Interviews mit Kandidaten, bei denen man sich, trotz z.B. Online AC, noch unsicher ist und im Anschluss eine Entscheidung treffen. Dafür braucht es nicht selten auch das berühmte Bauchgefühl. Das können besonders die Recruiter gut, die schon länger im Unternehmen sind und verstehen, wer zur Kultur passt.

“Atypische” Lebensläufe lesen

  • Ebenfalls eine wichtige Aufgabe von Recruitern in der Zukunft: das Lesen von “atypischen” Lebensläufen und damit das Erkennen von Chancen trotz Brüchen in der Vita bis hin zur “Degradierung” eines Lebenslaufes als “Erfahrungsgefängnis” für beide Seiten

Den Richtigen erwischt?

  • Je besser die Technik wird, umso öfter wird Kandidaten von Robotern statt von einem Menschen abgesagt. Dabei sind Fehler, zumindest heute, noch nicht ausgeschlossen. Die Aufgabe der Recruiter wird es sein, die Stichproben der automatisiert abgelehnten Kandidaten auf Validität z.B. des Kick-out-Verfahrens zu überprüfen.

Candidate Journey Architect

  • Bei aller Technik und Automatisierung, wollen Menschen nach wie vor das Gefühl haben, dass sie gesehen werden. Nicht nur als Lebenslauf xy, sondern als ganzer Mensch, der seine Fähigkeiten in einem Unternehmen einbringen möchte. Die Aufgabe der Recruiting Verantwortlichen wird es sein, die richtige Balance der „candidate journey“ zwischen Automatisierung und Personalisierung zu finden und zu gestalten.

Jonglieren

  • Recruiter werden zukünftig bei der Vielfalt an Aufgaben in einem dynamischen Arbeitsmarkt und der Entstehung neuer Rollen im Unternehmen vielfältigere Aufgaben übernehmen müssen. Recruiter werden Marketeer, Head Hunter und Coach sein müssen – aber vor allem müssen sie ein Mensch sein!

Kerstin Hattar studierte Betriebswirtschaftslehre an der Handelshochschule Leipzig. Danach startete sie bei der ManpowerGroup und stieg kontinuierlich bis zur ihrer heutigen Position als Director Business Line Recruitment auf. Die Themen Recruiting und Talentmanagement liegen ihr sehr am Herzen und auch deshalb ist sie immer an den neuesten Trends in diesen Bereichen dran.