Führung in Zeiten digitaler Transformation – Teil II

In Teil I unserer Serie zum Thema Digital Leadership haben wir umrissen, wie die neue Realität für Führungskräfte in der Arbeitswelt der Zukunft aussieht. In Teil II gehen wir auf die konkreten Eigenschaften und Fähigkeiten von digitale Führungskräfte ein.

Das Ändern etablierter Prozesse und Vorgehensweisen führt zu Reibungen. Solch ein Konfliktpotenzial kann sich negativ auf Entscheidungen auswirken, Fortschritte aufhalten und Mitarbeiter demotivieren. Es ist heute also so wichtig wie nie, dass die richtigen Führungskräfte die richtigen Verhaltensweisen im Unternehmen fördern und fordern. Doch mit den althergebrachten Methoden lassen sich die dafür nötigen Führungskräfte weder identifizieren noch entwickeln. 87 % aller Personalverantwortlichen sind davon überzeugt, dass sie nicht über das Führungskräftepotenzial verfügen, das ihr Unternehmen benötigt.7 Zudem öffnet sich eine immer prominentere Kluft zwischen dem, was traditionell als effiziente Führung verstanden wird, und dem, was tatsächlich den Erfolg eines Unternehmens im digitalen Zeitalter ausmacht.

Die gute Nachricht: Die notwendigen Eigenschaften für digitale Führung unterscheiden sich nicht fundamental von herkömmlichen Führungsqualitäten. Stattdessen gilt die 80/20-Regel: 80 % der Kompetenzen und Eigenschaften effektiver Führungskräfte sind die gleichen wie früher. Die anderen 20 % umfassen bisher nicht notwendige Kompetenzen, die aber für moderne und zukünftige Führungskräfte unverzichtbar sind.

Die 80/20-Regel:

80 %: Ausgeprägte Führungsqualitäten haben weiterhin große Bedeutung

Führungskräfte haben über Jahre hinweg wertvolle Kompetenzen entwickelt: Sie haben sich erfolgreich durch das Labyrinth ihre Karriere navigiert, aus erster Hand Erfahrungen mit Veränderungsprozessen gesammelt und gleichzeitig die notwendige Ausdauer entwickelt, um auch Scheitern erfolgreich zu bewältigen. Die Antwort kann also nicht lauten, das Führungsteam einfach durch bereits voll in der digitalen Welt beheimatete Millennials zu ersetzen. Gerade die aktuellen und sich rasant entwickelnden Herausforderungen an die Führung im Zeitalter digitalen Transformation machen den Erfahrungsschatz zu einem wertvollen Asset. Um Unternehmen effizient zu transformieren, ist es daher notwendig, die erforderlichen Kompetenzen und die erlernbaren Qualifikationen der bestehenden Führungskräfte zu entwickeln und sie so zu Führungskräften der nächsten Generation aufzubauen. Neben den auch bisher notwendigen Führungsqualitäten sollten Führungskräfte sowohl Neugier und Lernbereitschaft als auch digitale Qualifikationen und Expertise mitbringen.

Übersicht der 80 %: Bestehende Führungsqualitäten

Aufmerksamkeit und Intelligenz, Anpassungsfähigkeit, Ausdauer und Motivation sind auch weiterhin das unabdingbar notwendige Fundament für effektive und auch in Zukunft erfolgreiche Führung.

Anpassungsfähigkeit: positiver Umgang mit Mehrdeutigkeit, Komplexität und Unsicherheit

Motivation: Erfolgshunger in Kombination mit ausreichend Energie

Ausdauer: Widerstandsfähigkeit, Hartnäckigkeit und gute Kondition

Lernbereitschaft und Neugier: In einer Welt des kontinuierlichen Umbruchs entwickeln sich neue Fähigkeiten und Qualifikationen fast ebenso schnell, wie andere obsolet werden. Was man bereits weiß, ist heute weniger wichtig als der Wille und die Fähigkeit zum Lernen. Führungskräfte müssen zudem gute Vorbilder sein: Sie müssen die unterschiedlichsten Erfahrungen suchen und ungewöhnliche Perspektiven einnehmen; und sie brauchen Offenheit für neue Ideen.

Digitale Qualifikationen und Expertise: Führungskräfte müssen ein gutes Verständnis von den technischen Qualifikationen haben, die notwendig sind, um das Unternehmen erfolgreich zu transformieren. Sie sollten sich daher mit Experten umgeben und sich die Zeit nehmen, sich kontinuierlich über die aktuellsten Trends sowie die sich daraus ergebenden Herausforderungen und Chancen für ihr Unternehmen zu informieren.

Das Gleiche – nur anders

Konzentration auf die 20 Prozent: Neue Kompetenzen für digitale Führungskräfte

Digitale Führungskräfte benötigen nicht nur ein solides Fundament herkömmlicher Führungsqualitäten; sie müssen darüber hinaus konsistent die zusätzlichen 20 % demonstrieren. Es ist ihre Aufgabe, das Potenzial von Fachkräften voll auszuschöpfen, sie müssen es wagen, wirklich zu führen, und sie benötigen die Fähigkeit, Performance zu beschleunigen. Wie bringt man nun diese Kompetenzen ins eigene Unternehmen? Zum einen durch Schulung der Führungskräfte und des Führungsnachwuchses im Unternehmen selbst. Zum anderen durch das Anwerben von Führungskräften aus Unternehmen, die in ihrer Transformation bereits weiter vorangeschritten sind.

Die 20 %: Erlernbare Kompetenzen

Führungskräfte müssen die Fähigkeit entwickeln, das Potenzial ihrer Fachkräfte voll auszuschöpfen; sie müssen Lernbereitschaft und Unternehmergeist ihrer Mitarbeiter fördern und die Performance beschleunigen. Vor allem aber: Sie müssen es wagen, wirklich zu führen.

Das Potenzial von Fachkräften voll ausschöpfen: Effektive Führungskräfte beschleunigen die Performance, indem sie Fachkräfte mit großem Potenzial innerhalb und außerhalb des Unternehmens gewinnen und entwickeln. Sie müssen eine Kultur schaffen, die den Einzelnen dazu ermutigt, kontinuierlich an seiner beruflichen Entwicklung zu arbeiten, und die den Mitarbeitern ein Gefühl von Sinnhaftigkeit vermittelt.

Performance beschleunigen: Nachhaltig gute Performance erfordert digitale Führungskräfte, die in der Lage sind, kurz- und langfristige Strategien zur Unternehmensentwicklung auszubalancieren. Erfolgreiche Führungskräfte helfen Mitarbeitern, ihre Bedeutung für das Erreichen der Unternehmensziele zu verstehen; darüber hinaus fördern sie funktionsübergreifende Kooperationen.

Wagen, wirklich zu führen: Gerade im mittleren Management sind Führungskräfte zwar oft dazu angehalten, Veränderungen zu fördern und umzusetzen; doch gleichzeitig sind sie vielfach zwischen anspruchsvollen Unternehmenszielen und nicht gerade optimalen Geschäftsprozessen gefangen. Für effektive Transformation müssen diese Manager daher willens und in der Lage sein, Innovation zu fördern, Risiken einzugehen und mutige Entscheidungen zu treffen.

7 Right Management: „Talent Management: Accelerating Business Performance“ (2014)