Fachkräftemangel: Erstickt der Aufschwung noch vor dem Boom?

In den letzten anderthalb Jahren hat sich die Sichtweise von Arbeitgebern und Arbeitnehmern gleichermaßen verändert. Dennoch bleiben einige Kernpunkte der Rekrutierungs- und Einstellungsdynamik bestehen, darunter der bereichsspezifische Fachkräftebedarf.

Frau und 2 Kinder an Laptops an einem großen Tisch, ein Mann telefoniert stehend

Aufgrund der immer größeren Verfügbarkeit von Impfstoffen und da Reisebeschränkungen zunehmend aufgehoben werden, rechnet fast die Hälfte der Arbeitgeber (49 %) damit, dass ihre Belegschaftszahlen bis Ende 2022 wieder auf das Niveau von vor der Pandemie angestiegen sein werden. Das besagen die aktuellen Ergebnisse des ManpowerGroup Arbeitsmarktbarometers für das dritte Quartal 2021.

Doch der Optimismus der Arbeitgeber, der schon längst wieder ihrer Stimmung vor der Pandemie entspricht (in 42 Ländern haben sich die Beschäftigungspläne der Arbeitgeber für die nächsten drei Monate deutlich verbessert), wird durch ein Dilemma gedämpft, dass zu dem stärksten Fachkräftemangel der letzten 15 Jahre geführt hat: 69 % der Arbeitgeber weltweit berichten von Schwierigkeiten in ihrer Personalpolitik, obwohl sich bereits ein Einstellungsboom abzeichnet. Was ist also die Ursache für den Fachkräftemangel? Und wie können Arbeitgeber die so entstehende Lücke schließen, indem sie besser auf die Bedürfnisse der heutigen Arbeitskräfte eingehen?

Unternehmen aller Branchen suchen in bestimmten Bereichen nach denselben gefragten Fähigkeiten und Qualifikationen. Das führt zu einem massiven Wettbewerb um Fachkräfte. Laut der Studie sind die Top 5 der am schwierigsten zu besetzenden Positionen weltweit:

  1. Betrieb/Logistik
  2. Fertigung/Produktion
  3. IT/Daten
  4. Vertrieb/Marketing
  5. Verwaltung/Bürotätigkeiten

Die aktuelle wirtschaftliche Lage erlaubt es Arbeitnehmern zudem, wählerisch zu sein. Das trägt gleichfalls zum Fachkräftemangel bei: Unternehmen sollen mehr bieten als nur einen festen Gehaltsscheck und einen sicheren Arbeitsplatz. So soll etwa die Flexibilität, die während der Pandemie zur Norm wurde, nach den Wünschen zukünftiger Mitarbeiter auch langfristig erhalten bleiben.

Glücklicherweise arbeiten die meisten Unternehmen bereits daran, neue Arten von Flexibilität für Berufsbilder zu schaffen, die traditionell als unflexibel galten. So gaben 36 % der Arbeitgeber an, flexible Anfangs- und Endzeiten einführen zu wollen; 31 % planen, eine Mischung aus Fernarbeit und Arbeit vor Ort anzubieten.

Dieser Wandel ist ein notwendiger Bestandteil der aktuellen Arbeitsumgebung. Die Mitarbeiter nutzen diese Gelegenheit, um klare Grenzen zu setzen.

Arbeitnehmer sind sich darin einig, was sie sich für die Zukunft wünschen: ihren Arbeitsplatz zu behalten, gesund zu bleiben, sich fortzubilden, ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln und nicht in die alten Arbeitsstrukturen zurückzukehren. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich wahrscheinlich eine stärkere Spaltung innerhalb der Arbeitnehmerschaft: Jene mit gefragten Qualifikationen können ihr Gehalt nach ihren Vorstellungen aushandeln, im Homeoffice arbeiten, lange Arbeitswege vermeiden und die Sicherheit des eigenen Zuhauses genießen. Arbeitnehmer mit weniger gefragten Fähigkeiten müssen an ihren Arbeitsplatz fahren und sind somit einem noch größeren Infektionsrisiko ausgesetzt.

Neben gesundheitlichen Bedenken gehört die Rückkehr zum früheren Status quo zu den größten Sorgen der Arbeitnehmer: Sie befürchten, ihre neu gewonnene Flexibilität zu verlieren und wieder täglich am Arbeitsplatz erscheinen zu müssen (Future for Workers By Workers). Außerdem:

  • 9 von 10 Arbeitnehmern sagen, dass ihnen ein sicherer Arbeitsplatz am wichtigsten ist
  • 91 % der Arbeitnehmer in allen Ländern und Branchen geben an, dass der Erhalt des Arbeitsplatzes höchste Priorität hat, mit Ausnahme der IT-Mitarbeiter, denen die Flexibilität am wichtigsten ist.
  • 8 von 10 wollen in Zukunft Beruf und Familie besser vereinbaren können.
  • 43 % glauben, dass dies das Ende des 8-Stunden-Arbeitstages der typischen Vollzeitbeschäftigung ist.

Wie bringen Sie angesichts dieser Bedenken die Bedürfnisse Ihres Unternehmens mit den Wünschen Ihrer Mitarbeiter in Einklang?

Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation

Ihre Mitarbeiter sind noch immer Ihre Partner. Und was vor einem Jahr galt, gilt auch jetzt: Mitarbeiter werden nicht in an den Arbeitsplatz zurückkehren, wenn sie dies als Risiko für ihre Gesundheit und die Gesundheit ihrer Angehörigen wahrnehmen. Sprechen Sie also nicht nur von Offenheit und Transparenz – seien Sie offen und transparent. Dann werden Ihre Mitarbeiter diese Ehrlichkeit voll und ganz erwidern. Klare Kommunikation, die sich auf Daten und Erkenntnisse konzentriert, hat zweifellos Leben gerettet und ermöglicht es den Menschen weiterhin, sicher und mit Vertrauen zu arbeiten.

Widerstehen Sie der Versuchung, den Schalter umzulegen

Wir können in der aktuellen Situation nicht einfach von einem Zustand in den anderen umschalten. So sehr wir auch zur Normalität zurückkehren wollen, es gibt nach wie vor kein für alle gleichermaßen gültiges Rückkehrdatum. Weltweit befinden sich die Länder an ganz unterschiedlichen Punkten im Umgang mit der Pandemie und ihren Folgen. Die sinnvollste Entscheidung ist daher, das zu tun, was für Ihre aktuelle Situation vor Ort das Beste ist. Wie bereits erwähnt, ist Kommunikation das A und O: Arbeitgeber müssen weiterhin eine klare Orientierung geben, damit ihre Mitarbeiter verstehen, warum sie an den Arbeitsplatz zurückkehren sollen. Es ist jedoch weiterhin wichtig, wachsam zu bleiben. Und ein Ansatz von „Langsam und stetig führt zum Ziel“ könnte langfristig die beste Strategie sein.

Auf Zusammenarbeit kommt es an

Da wir gerade von Zusammenarbeit sprechen: Die Wiederaufnahme Ihrer unternehmerischen Tätigkeit erfordert die Zustimmung und Unterstützung aus allen Bereichen Ihrer Organisation. Es ist daher wesentlich für den Wiedereröffnungsprozess, Ihren Mitarbeitern genau zuzuhören und ihr Feedback einzuholen. Wie sieht ihr Arbeitstag aus? Wie gestaltet sich eine sichere Zusammenarbeit? Wenn Sie sich von den Wünschen Ihrer Mitarbeiter leiten lassen – unabhängig von der Form, in der das geschieht – geben Sie jedem in Ihrem Team das Gefühl der Zugehörigkeit.

Zurück … in die Zukunft

Wenn Sie es noch nicht getan haben, ist es jetzt an der Zeit, eine gemeinsame Vision der Zukunft zu entwickeln. Die plötzliche Veränderung unserer Geschäftswelt wird einen nachhaltigen Effekt entfalten. Wie sich aktuell zeigt, nähern sich einige diese Änderungen dem an, was Arbeitnehmer schon immer wollten: Flexibilität, Work/Life-Balance und mehr. Die schon lange vorhergesagten Trends sind da, zusätzlich befeuert durch die Pandemie. Die technologische Revolution hat ein unglaubliches Tempo angenommen: Wir wissen aus unseren eigenen Studien, dass 38 % der Unternehmen ihre Digitalisierung in der Folge der Pandemie beschleunigt haben; 86 % planen zudem, zusätzliches Personal einzustellen bzw. ihre Belegschaftszahlen zumindest zu halten.

Es zeichnen sich noch weitere Trends ab. Und diese Trends werden gleichfalls die Zukunft der Arbeitswelt verändern – und ebenso die Zukunft der Arbeitnehmer. Diese Chance sollten Sie nutzen. Unternehmen gestalten sich zunehmend komplex und müssen sich anpassen. Daher sind sie bereit für einen Reset mit verbesserter Supply-Chain-Resilienz, größerer Agilität, verstärktem Fokus auf Personalplanung und der Konsolidierung von Anbietern, die sie bei der Bewältigung von Unsicherheiten und Risiken unterstützen. Dies ist Ihre Chance, die Kultur und Identität Ihres Unternehmens neu zu gestalten und gleichzeitig Innovationen voranzutreiben, die den zentralen Motor Ihres operativen Geschäfts der nächsten Jahre bilden.

Die Corona-Pandemie hat uns alle aus der Bahn geworfen. Aber der größte Fehler wäre jetzt, zu denken, dass die Rückkehr zur Normalität eine Rückkehr zu dem sein wird, wie es früher war. Diese Zeiten sind vorbei. Walt Disney sagte einmal: „Wir bewegen uns immer weiter vorwärts, öffnen neue Türen und tun neue Dinge, weil wir neugierig sind. Und diese Neugierde ist es, die uns auf immer neue Wege führt. Wir sind stetig am Erforschen und Experimentieren.“ Neugierde kann ein mächtiges Werkzeug sein, das Sie vorwärtsbringt. Und jetzt ist es an der Zeit, dieses Werkzeug zu nutzen.

Weitere Informationen zum Fachkräftemangel finden Sie auch in unserer Infografik „Fachkräftemangel/Arbeitsmarktbarometer“.