Jobmarkt: Wir melden uns ... in vier Wochen ... vielleicht
Eric de Jonge, Deutschlandchef der ManpowerGroup, im Handelsblatt zum Thema Geschwindigkeit in Bewerbungsprozessen in deutschen Unternehmen.

Zwei Bewerbungen und eine Kandidatin – zwei komplett unterschiedliche Erfahrungen. Von unkompliziert und schnell bis hin zu prozessüberladen und langwierig. Viele Unternehmen sind schlichtweg langsam. Laut einer die Auswertung der Jobplattform Stellenanzeigen.de benötigen 35 Prozent der Firmen vier Wochen und mehr, bis sie sich für einen Kandidaten entscheiden. Das ist jedem fünften zu lang und 15 Prozent haben in dieser Zeit sogar einen anderen Job gefunden.
Wer schnell ist, gewinnt die besten Talente
Die Präsidentin des Bundesverbands der Personalmanager, Inga Dransfeld-Haase sagt, dass es großes Digitalisierungspotenzial in deutschen Unternehmen gibt, welches das Recruiting beschleunigen könnte. Derweil geht es oft noch den klassischen Weg: Recruiter und anschließend Fachbereich sichten die Bewerbungen. Danach erst wird entschieden, wer eine Einladung erhält. Das koste viel Zeit und den Unternehmen die besten Köpfe.
Geschwindigkeit ist die neue harte Währung
Was vor der Coronapandemie vier bis sechs Wochen waren, sind nun zwei bis maximal vier Wochen – dann müsse alles unter Dach und Fach sein. Sonst schauen sich Bewerber*innen über alle Branchen hinweg, woanders um. Gefragte Kandidat*innen können sich vermehrt das beste Angebot herauspicken. Der Bewerbermarkt in Deutschland heiß gefragt, die Anzahl der Jobangebote stieg in den letzten 12 Monaten enorm an, Headhuntern-Anfragen haben sich verdoppelt und Videointerviews führen zu Parallelbewerbungen. Worüber sich Jobsuchende freuen, zeigt sich als Herausforderungen für deutscher Unternehmen. So zeigt der nähere Blick auf die inserierenden Unternehmen und Personalverantwortlich teilweise auch ein recht kampfmüdes Bild.
Anders macht es Tesla, die ein High-Volume-Recruiting betreiben. Dahinter verbirgt sich allerdings die Gefahr, die Bewerber nicht gut genug kennenzulernen. Das wiederum führt zu falschen Erwartungshaltungen und Fluktuation.
ManpowerGroup kennt sich mit Geschwindigkeit im Recruiting aus
So erklärt Eric De Jonge, Deutschlandchef der Manpower Group, dass die Personalvermittlung in seinem Unternehmen über ein stark datengetriebenes Recruiting-System erfolgt. Er beobachtet auch, dass viele Stellenanzeigen heute überfrachtet seien und Anforderungsprofile enthielten, die nicht mehr zeitgemäß sind. "Zielführender sei es, die Anforderungen realistisch an der Aufgabe auszurichten und Stellenanzeigen massiv zu verschlanken." so die Empfehlung von de Jonge. Ein kurzes Vorabinterview zu führen, spart in vielen Fällen Zeit, um dann erst die Unterlagen anzufordern. Bewerber sind wie Kunden zu betrachten und ohne Service beim Kunden geht es nach wie vor nicht.
Arbeitserfahrung und Fachwissen zählt
Es geht um einen schnellen Einsatz der Bewerber*innen. Zusatzqualifikationen weglassen und ungeeigneter Bewerber einstellen ist auch eine Gratwanderung. Das führt leicht zu Fehlentscheidungen im Recruiting und verursacht höhere Kosten, da die Aufwände einer Bewerbung inklusive Onboarding nicht unerheblich sind.
Ob Kandidat*in und Unternehmen passen, macht sich dann wohl erst in der Probezeit bemerkbar. Einfach mal anfangen – und schnell wieder gehen, wenn Kultur oder Vorgesetzte nicht gefallen, könnte zunehmend normal werden.
Der Beitrag ist erschienen in der Wochenendausgabe vom Handelsbatt am 17.06.2022. Lesen Sie jetzt den vollständigen Beitrag
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